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10.02.2012: Schnittke Suslin Prokofjew

Die erste Sonate für Violoncello und Klavier (1978) von Alfred Schnittke ist heute eines der am häufigsten aufgeführten Werke der Celloliteratur. Sie besteht aus drei Sätzen, die attacca ineinander übergehen. Der Mittelsatz, quasi ein Intermezzo ist ein dämonisches „Perpetuum mobile“, das umrahmt wird von zwei thematisch miteinander verwandten, ausgreifenden Elegien voller Dramatik. Das Gravitationszentrum des Werkes liegt im letzten Satz, einem düsteren Largo von bohrender Intensität und beträchtlicher Länge.

Die Mstislaw Rostropowitsch gewidmete und von ihm uraufgeführte zweite Sonate für Violoncello und Klavier (1994) besteht aus fünf kleineren Sätzen. Ihre Sprache ist die des späten Schnittke, in der sich alles zuspitzt und mitunter äußerste Askese neben übermäßig verschärfter Expression steht. Die Sonate beginnt mit einem Monolog des Cellos und schließt mit einer völligen Verschmelzung der beiden Instrumente im „nicht materiellen“ letzten Satz.

Die Bezeichnung des Werkes von Viktor SuslinTonH“ (2001) hat zwei Bedeutungen: Einerseits ist das der Name des Cellisten der Uraufführung (Vladimir Tonha), andererseits ein Hinweis auf die Struktur des Werkes, in dem die tiefste Saite des Cellos einen halben Ton tiefer auf  H gestimmt ist. Damit verändert sich nicht nur die „Landschaft“ der natürlichen Flageolett-Töne des Instruments, sondern auch dessen Akustik. Das musikalische Material des Werkes beinhaltet viele Vierteltöne, die eine strukturelle Funktion innerhalb der Melodik haben. Das Werk ist Sofia Gubaidulina gewidmet.

Die Stimmung der 1949 entstandenen Sonate für Violoncello und Klavier von Sergej Prokofjew bestimmt ein weitgehend gedämpfter, lyrischer Ausdruck, der sich durch alle drei Sätze zieht. Die meisten Hauptthemen haben eine folkloristische Färbung.

Um diesen Charakter der Musik zu unterstreichen, begleitet das Cello das Klavier häufig in der Art einer Gitarre, wenn das Klavier die schlichte Volksmelodie übernimmt. Die Sonate ist Mstislaw Rostropowitsch gewidmet, der das Werk am 1. März 1950 in Moskau uraufgeführt hat.

Olga Lubotsky hat schon häufiger bei Belaieff-Konzerten als Cellistin in Kammermusikensembles mitgewirkt. Dabei war ihre präsente, genau auf den Ausdruck gezielte Spielweise nicht zu überhören.  Von daher ist ihr heutiger Soloauftritt die logische Folge ihres erfolgreichen Musizierens.
Olga Lubotsky wurde in Saratow (Russland) geboren. Sie studierte an der Musikfachschule beim Moskauer Konservatorium und an der Hamburger Musikhochschule bei Prof. Mehlhorn. Heute ist sie Dozentin für Violoncello an der Alfred-Schnittke-Akademie Hamburg. Als Solistin und Kammermusikerin konzertiert sie in vielen Ländern Europas und in den U.S.A. und nimmt regelmäßig an wichtigen Festivals für Neue Musik teil. Mit ihrem Ehemann Mark Lubotsky und Brenno Ambrosini ist sie ständiges Mitglied des „Lubotsky-Trios“.

Der venezianische Pianist Brenno Ambrosini (*1967) studierte in Venedig, Florenz, München, Paris und Madrid – in der Tradition der berühmten Klavierschulen von Chopin, Liszt, Sgambati und Busoni. Er ist vielfacher Preisträger internationaler Wettbewerbe und als Solist mit bedeutenden Orchestern in Europa, den U.S.A. und Japan aufgetreten. Dabei sind zahlreiche Fernseh-aufzeichnungen und CD-Produktionen entstanden.
Ambrosini engagiert sich insbesondere für zeitgenössische Musik, weshalb namhafte Komponisten Stücke für ihn geschrieben haben.

Programm:

Alfred Schnittke (1934 – 1998)
   Sonate Nr. 1
   für Violoncello und Klavier (1978)
     1. Largo
     2. Presto
     3. Largo
            
Alfred Schnittke
   Sonate Nr. 2  
   für Violoncello und Klavier (1994)
     1. Senza di tempo (Allegro)
     2. Allegro
     3. Largo
     4. Allegro
     5. Lento

Viktor Suslin (*1942)
   „TonH“ (2001)
   für Violoncello und Klavier

Sergej Prokofjew (1891 – 1953)
  Sonate C-Dur
  für Violoncello und Klavier op. 119 (1949)
    1. Andante grave
    2. Moderato
    3. Allegro, ma non troppo

18.11.2011: Liszt und die Musik der Zukunft

Liszt,  Ginastera, De Falla, Debussy, Ustwolskaja

Andreas Mühlen, Klavier

Franz Liszt wird manchmal der “Paganini des Klaviers” genannt – ein oberflächlicher und höchst ungerechter Vergleich, beschränkte sich doch sein Einfluss nicht nur auf die Revolutionierung des Klavierspiels, sondern umfasste die gesamte Musik. Es war Liszt, nicht Wagner, der die „Tristan-Harmonie“ entdeckte, die Zwölftonreihe als Thema („Faust-Symphonie“) sowie die sinfonische Dichtung, in der die vier Sätze der traditionellen Sinfonie zu einer großen neuen Form verbunden sind, die sich unvorhersehbar entwickelt – ohne „vorgegebene“ Reprise, mit ungewöhnlichen Metamorphosen der Themen und Leitmotive. Liszts „Tentakel“ reichen weit in die Zukunft. Zu seinen musikalischen Nachfahren gehören neben den Komponisten auf unserem heutigen Programmzettel u.a. auch Scriabin, Ravel, Bartók, Ligeti und sogar Schostakowitsch. Mit vielen Komponisten des 19. Jahrhunderts hatte Liszt das Interesse am „Nationalen“ gemein, doch war vor allem er eine erstaunlich integrale Figur in der europäischen Musik – kein provinzieller „Ferencz“, sondern ein allgemein-europäischer „Franz“.

Programm:

Franz Liszt (1811-1886)
Aus Années de pèlerinage, troisième année 
    Nr. 5 Sunt lacrymae rerum (1872)
La Lugubre Gondola I (1882)
La Lugubre Gondola II (1882)
Schlaflos, Frage und Antwort (1883)
   Nocturno  nach einem Gedicht von Toni Raab
En Rêve. Nocturne (1885/86)
Vierter Mephisto-Walzer. Bagatelle ohne Tonart (1885)
Nuages gris (1881)
Unstern! Sinistre – Disastro (1883/86)
Ungarische Rhapsodie Nr. 17 (1884)

Alberto Ginastera (1916-1983)
Aus den „Danzas argentinas“ op. 2 (1937)
Danza del viejo boyero
Danza de la moza donosa
Aus der “Suite de Danzas Criollas” op. 15 (1946)
Nr. 2 Allegro Rustico
Nr. 4 Calmo e poetico
Nr. 5 Scherzando
Coda – Presto e energico

Manuel de Falla (1876-1946)
Fantasía baetica (1919)

Claude Debussy (1862-1918)
Aus “Préludes”, Deuxième Livre (1912-13)
Nr. 1   Brouillards. Modéré
Nr. 10 Canope. Très calme et doucement triste

Galina Ustwolskaja (1919-2006)
Sonate Nr. 5 (1986)

An diesem Abend erklingen späte Kompositionen Listzs. In ihnen begegnen wir nicht der zauberhaften Virtuosität seiner frühen Werke; der Komponist ist auf das Substanzielle konzentriert, als habe er sich einer freiwilligen Askese unterzogen. Einige seiner harmonischen Entdeckungen sind so radikal, dass man kaum glauben kann, in welchem Jahr diese Musik komponiert wurde. Dass Liszts Schaffen bis in die Moderne Inspirationsquelle für viele Musiker ist, bestätigen die weiteren Stücke des heutigen Programms. 

Obgleich Alberto Ginastera einer der bedeutendsten Vertreter der argentinischen Musik des 20. Jhs ist, ist seine Musik nicht allzu oft in Deutschland zu hören. Er komponierte Opern, Ballette, eine Sinfonie, Lieder, Chorwerke, Kammermusik und u.a. zwei Klavierkonzerte und drei Klaviersonaten. Seine Tänze für Klavier, die Danzas argentinas und Danzas criollas geben meisterhaft die Vielfalt an Gesten und Stimmungen der argentinischen Folklore wieder und stecken gleichzeitig voller  harmonischer Neuerungen. 

Die Fantasía baetica von Manuel de Falla entstand im Auftrag von Arthur Rubinstein und ist ihm gewidmet. ’Provincia Baetica’ war der römische Name für Andalusien, die Heimat des Flamenco. Das Werk ist eine groß angelegte, abstrakte Klavierfantasie – original de Falla, ohne Zitate aus der Folklore, aber deutlich inspiriert vom Stil des Flamenco mit seinen spezifisch orientalischen Skalen und eigenwilligen Rhythmen –  im Klavier Klänge der Gitarre, des Füßestampfens, der Kastagnetten und des ’cante jondo’ heraufbeschwörend. 

Über die Wechselbeziehungen zwischen der Klaviermusik von Claude Debussy und dem Schaffen Franz Liszts ließen sich Traktate schreiben, denn der Einfluss Liszts beschränkte sich nicht auf harmonischen Neuerungen, sondern betraf alle Komponenten der Musik: das Spektrum der Klangfarben, die Satzweise, den Pedalgebrauch. Debussys ’Préludes’ (Brouillards und Canope) sind vorzügliche Beispiele dafür. 

Scheinbar paradox in diesem Programm sind die beiden letzten Klaviersonaten von Galina Ustwolskaja, doch ist die Wahl gerechtfertigt und sinnvoll. Das radikale Neuerertum Ustwolskajas – sowohl was die Form betrifft als auch den Einsatz der Klangfarben des Klaviers – ist in vielerlei Hinsicht eng verwandt mit dem Pioniergeist Liszts. Äußerliche Ähnlichkeiten gibt es hier nicht, aber die Kraft und Größe dieser Klaviermusik ruft unweigerlich den unsterblichen Schatten des Schöpfers der „Faust-Symphonie“ und der h-Moll-Sonate in Erinnerung. 

In der Kunst des Pianisten Andreas Mühlen (*1957) verbinden sich auf ungewöhnliche Weise die Traditionen der deutschen und russischen Interpreten-Schule. Zu seinen Lehrern gehörten Bernhard Roderburg, Rudolf Buchbinder und Igor Shukow. Neben der klassischen und romantischen Klavierliteratur spielt Mühlen insbesondere russische, spanische und südamerikanische Musik. Mehrere CD-Einspielungen liegen vor, darunter eine Aufnahme mit späten Werken von Franz Liszt, vom MDR als „Idealfall“ vorgestellt, und mit Klaviersonaten von Galina Ustwolskaja, die ihm seine „genaue und tieffühlende Interpretation“ ihrer Werke bescheinigte. „Mühlen … spielte kraftvoll, formte große Gesten und Bögen aus, versank in der Musik und wohl ähnlich wie bei Liszt wirkte sein Vortrag improvisiert, emotional und gleichzeitig hochkomplex und durchdacht.“ (Allgäuer Zeitung, 2011)

30.09.2011: Sofia Gubaidulina zum 80. Geburtstag

Programm:

Sofia Gubaidulina (*1931):
De Profundis (1978) für Bajan

Johann Sebastian Bach (1685-1750):
Suite G-Dur für Violoncello solo
  Prélude
  Allemande
  Courante
  Sarabande
  Menuett 1 – Menuett 2
  Gigue

Johannes Brahms (1833-1897):
Drei Choralvorspiele op. posth. 122 (1896)
(Transkription für Violoncello und Bajan)

 Pause

Sofia Gubaidulina:
Zehn Präludien für Violoncello solo (1974)
  Staccato – legato
  Legato – staccato
  Con sordino – senza sordino
  Ricochet
  Sul ponticello – ordinario – sul tasto
  Flagioletti
  Al taco – da punta d’arco
  Arco – pizzicato
  Pizzicato – arco
  Senza arco, senza pizzicato

Sofia Gubaidulina:
In croce (1979) für Violoncello und Bajan
(nach der Originalfassung für Violoncello und Orgel)

Vladimir Tonkha, Violoncello
Friedrich Lips, Bajan

Sofia Gubaidulina – 1931 in Tschistopol (Tatarische Republik) geboren, in Kasan und Moskau ausgebildet – zählt zu den weltweit bedeutendsten Komponistinnen unserer Zeit. Sie hatte es nicht leicht in der Sowjetunion. Als ein Kritiker 1962 die makellose Technik der jungen Komponistin lobte, ihre geistige Haltung aber tadelte, hielt sie dennoch an ihrem künstlerischen Credo fest. Schon seit Mitte der 60er Jahre wurden ihre Werke dann im westlichen Ausland gespielt, bald folgten Aufträge und zahlreiche Auszeichnungen. Seit 1992 lebt sie in der Nähe von Hamburg.

 Sofias Ritter: Vladimir Tonkha und Friedrich Lips

zum 80. Geburtstag von Sofia Gubaidulina

In diesem Konzert hören Sie zwei Entdecker von Sofia Gubaidulinas Talent. Sie gehörten zu den Ersten, die ihre Musik aufführten – und zwar mit Beharrlichkeit und sogar Fanatismus zu einer Zeit, als die meisten noch keine Ahnung hatten, was sich hinter diesem Namen verbirgt. Um in den 60er und 70er Jahren in der UdSSR Aufführungen einer solchen Musik hartnäckig durchzusetzen, war eine gehörige Menge Mut erforderlich. Tonkha und Lips sind Co-Autoren vieler instrumentaler „Entdeckungen“, die uns aus den Partituren von Gubaidulina bekannt sind. Ihnen hat die Komponistin wichtige Werke gewidmet: „Sieben Worte“, „In croce“, „De profundis“, „Zehn Präludien“ für Violoncello solo. Auch Solokonzerte mit Orchester hat Gubaidulina für sie geschrieben.

Vladimir Tonkha ist einer der kreativsten und interessantesten russischen Cellisten der Gegenwart. Er tritt in Solo- oder Kammerkonzerten in den besten Konzertsälen der Welt auf, wo er häufig die speziell für ihn komponierten Werke spielt. Zu seinen Musizierpartnern zählen Gidon Kremer, Jury Bashmet, Gennady Roshdestvensky, Valery Gergiev, Yuji Takahashi. Als Professor steht er dem Lehrstuhl für Violoncello der Russischen Gnessin-Musikakademie in Moskau vor. Außerdem hat er zahlreiche Werke für Violoncello bearbeitet bzw. transkribiert und herausgegeben.

Friedrich Lips gelang es in Zusammenarbeit mit Sofia Gubaidulina, dem Bajan (russ. Knopfgriffakkordeon) eine völlig neue Rolle zu verschaffen, indem er es zu einem höchst vornehmen Werkzeug der zeitgenössischen Musik machte. Lips war der Erste, der die ungewöhnlichen Möglichkeiten des Bajans erkannte. In seine Fußstapfen traten später viele andere Musiker in Europa, Japan und den U.S.A.

Friedrich Lips ist ebenfalls Professor an der Russischen Gnessin-Musikakademie in Moskau und hat an vielen bedeutenden internationalen Festivals für Neue Musik teilgenommen. Gleichzeitig ist er Autor mehrerer Bücher und zahlreicher Transkriptionen für sein Instrument.

Bajan

In Westeuropa hat das Akkordeon als ursprüngliches Volksmusikinstrument in der Neuen Musik einen gewissen Platz eingenommen. Noch viel mehr hat sich jedoch in Russland das Bajan, das russische „Knopfakkordeon“ in der klassischen und besonders in der zeitgenössischen Musik durchgesetzt. Es beherbergt wesentlich komplexere musiktechnische Möglichkeiten als unser Akkordeon.

De Profundis – Gubaidulinas erstes Werk für Bajan – ist Friedrich Lips, der es uraufführte, gewidmet. Heute zählt das Werk zu den Klassikern der Bajan-Literatur. Grundlage der Komposition ist Psalm 130 „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir“. zugrunde. Der Hörer wird Zeuge einer langsamen und unaufhaltsamen Steigerung vom „Röcheln“ des untersten Bajan-Registers bis zu den reinen und zarten Tönen des obersten: „Ein Aufstieg vom Niedrigsten zum Höchsten, dem Atem, der Seele bis hin zur Weltseele oder der Weisheit.“ (Viktor Suslin)

Die Elf Choralvorspiele sind Brahms’ letztes Werk, sie entstanden 1896. In diesem Jahr starb Clara Schumann, mit der Brahms zeitlebens eine wohl unerfüllt gebliebene Liebe verband. Fast alle der elf bearbeiteten Choräle haben den Tod zum Thema.

„Ivan Monighetti und Vladimir Tonkha waren die ersten Interpreten, die meine Zehn Präludien nicht nur vollendet spielten, sondern sie im wahrsten Sinne des Wortes zu ihrem „eigenen“ Werk machten. Insbesondere das letzte Präludium bietet den Cellisten die Möglichkeit, in improvisatorischen Abschnitten das Stück auf „eigene“ Weise zu interpretieren. “Ich wollte erkennen, wie sich Musik durch die schöpferische Phantasie eines Interpreten inhaltlich verändert.“ (Sofia Gubaidulina)

Die Komposition In croce ist ein einziges großes Kreuzsymbol: Ein Instrument beginnt in den höchsten Lagen, das andere in den tiefsten, sie nähern sich einander an, durchkreuzen sich großräumig und punktuell und entfernen sich wieder mit vertauschten Rollen. Gleichzeitig repräsentieren Bajan bzw. Orgel die musikalische „Vertikale“, während das Cello die „Horizontale“ erforscht.


Info

Die Belaieff-Stiftung Lesen Sie weiter »

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Stiftung Belaieff-Konzerte Hamburg

Kurator: Viktor Suslin

Organisation: Heinz-Erich Gödecke
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