In der Presse

Musik heilt auch Heimweh

Die in Hamburg ausgebildete Pianistin Elisaveta Blumina gastiert nach ihrem Echo-Klassik-Erfolg solo in Altona

Von Tom R. Schulz

Hamburg. Ein bisschen mehr Herz hätte sie sich schon gewünscht von ihrem verehrten Klavierprofessor; Mitgefühl, ein paar tröstende Worte. Aber wann immer die junge Studentin Elisaveta Blumina in ihrem ersten Jahr in Hamburg von Heimweh nach Sankt Petersburg gebeutelt war und Evgeni Koroliov in der Stunde davon erzählte, hatte der nur dieselben drei Worte für sie übrig: “Gehen Sie üben!”

Elisaveta Blumina erzählt von dieser ein Vierteljahrhundert zurückliegenden Erfahrung mit einem fast angriffslustig wirkenden Funkeln im Blick ihrer dunklen Augen. Sie hat dem Professor seinen spröden, dabei sehr klugen Rat nie vergessen. In der russischen Klaviermusik des 20. und 21. Jahrhunderts, als deren kundigste Interpretin Blumina in Deutschland mittlerweile gilt, nach in Klang übersetzten Spuren von Schmerz infolge von Entwurzelung und Sehnsucht zu fahnden, dürfte angesichts des vielfach leidvollen Verlaufs dieser Epoche nicht schwer fallen. In manchen dieser Werke, so dachte Koroliov vielleicht, findet meine Schülerin versiegelt und gespiegelt, was sie peinigt. Und wenn sie sich in die pianistischen Exerzitien versenkt, denen sich jeder unterziehen muss, der diese Musik (und alle andere von Bach bis Ligeti und darüber hinaus) angemessen interpretieren will, dann wird ihr Kummer schon vergehen.

Für die Einspielung von Werken französischer Komponisten nahm Elisaveta Blumina als Leiterin eines nach ihr benannten Trios im vergangenen Oktober in München einen Echo Klassik in der Kategorie “Kammermusik des 20./21. Jahrhunderts, gemischte Ensembles” entgegen. Am heutigen Freitag gastiert sie solo mit einem rein russischen Klavierprogramm in der Alfred Schnittke Akademie in Altona.

Aber russisches Programm – das wäre spätestens in diesen Wochen ein unzureichender, politisch nachgerade beleidigender Begriff. Dabei ist Blumina lang genug auf der Welt, um sich noch an glorreiche Sowjetzeiten zu erinnern, in denen es qua Doktrin keinen Unterschied gab zwischen georgischer, ukrainischer, lettischer oder in Moskau entstandener Musik. Alles war russisch. Um der neuesten Geschichte Rechnung zu tragen, steht im Untertitel ihres Recitals, das seinen Namen “Sonata Tragica” einem Werk Nikolai Medtners verdankt, “Russische und ukrainische Musik – Globale Verflechtungen”. Und diese Verflechtungen umspannen mehr als ein Jahrhundert.

Nikolai Medtner, 1879 in Moskau geboren, floh 1921 vor der Oktoberrevolution nach Berlin und ließ sich später in London nieder. Ivan Tcherepnin (1943–1998) trug alles Russische nur in seinen von einer russischen Musikerdynastie imprägnierten Genen; er kam in Paris zur Welt und übersiedelte schon als Kind in die USA. Miecyslaw Weinberg, dessen 4. Klaviersonate Blumina als Hamburger Erstaufführung im Programm hat, wurde 1919 in Warschau geboren und entkam als einziger aus seiner Familie der Vernichtung durch die Nazis. Weinberg floh nach Russland, wo es ihm als polnischem Juden ausgesprochen schlecht ging.

Die Ukrainerin Alexandra Filonenko, Jahrgang 1972, stammt aus Donezk, lebt aber schon seit langem in Berlin. Ihre “Fünf Klavierstücke” verlangen Blumina einige Spieltechniken abseits des Herkömmlichen ab. “Ich habe schon Ischiasprobleme bekommen von all den Verrenkungen”, sagt die Pianistin lachend. “Pedal treten, gleichzeitig Saiten zupfen, tupfen, klopfen…” Gerade hat sie in Berlin, wo sie inzwischen mit ihrem Mann und zwei halbwüchsigen Söhnen lebt, mit der Komponistin an den Stücken gearbeitet. Filonenko ist von Blumina so angetan, dass sie ihr nun ein Performancestück auf Leib und Finger schreiben will.

Auch Valentin Silvestrov ist aus der Ukraine. Er lebt in Kiew und schreibt sehr delikate, introvertierte Musik. “Ein verschlossener Mensch”, sagt Blumina, die mit ihm befreundet ist. “Aber wenn man klopft, dann macht er auf.” Silvestrov, so erzählt sie, demonstriere auf dem Maidan und spreche mit seiner Tochter ukrainisch. Man tut also gut daran, seine Musik nicht mehr unbedacht russisch zu nennen.

Elisaveta Blumina hat ihr subtiles, dem Klang nachhorchendes und doch makellos gearbeitetes Klavierspiel nach dem Konzertexamen in Hamburg noch bei András Schiff und Bruno Canino in Bern vervollkommnet. Canino will sie auch zur nächsten Ausgabe des “Russischen Kammermusikfests” in Hamburg einladen, das sie künstlerisch leitet.

Und neulich war sie erstmals wieder in Sankt Petersburg. “Wo ist meine Sehnsucht hin?” hat sie sich da gefragt. “Sie war vollkommen verschwunden.”

Elisaveta Blumina: “Sonata Tragica”, Fr 5.12., 20.00, Alfred Schnittke Akademie 

Artikel erschienen im Hamburger Abendblatt am  05. Dezember 2014

 

KULTUR-TAGEBUCH (unfundiert-subjektiv-parteiisch)

Liederabend mit Rita Balta (Sopran) und Alexei Lubimvo (Klavier) in der Alfred Schnittke Akademie, Hamburg, 28. September 2012

Es ist Herbst geworden. Und in dieser Woche habe ich keine gute Laune. (…) Also in dieser Stimmung machte ich mich an diesem Abend auf zu diesem Konzert, in dem Lieder und Klavierstücke von Anton Webern und Igor Strawinsky gegeben wurden. Und es fing schon gleich schwer an mit einer Vertonung eines Gedichtes von Richard Dehmel:

Über unsere Liebe
hängt eine tiefe Trauerweide
Nacht und Schatten
um uns beide
Unsere Stirnen sind gesenkt.
Wortlos sitzen wir im Dunkeln.
Einstmals rauschte hier ein Strom.
Einstmals sahn wir Sterne funkeln.
Ist denn alles tot und trübe?
Horch: ein ferner Mund vom Dom:
Glockenchöre, Nacht und Liebe.

Noch Fragen? Das war schon ziemlich harter Tobak für jemanden mit angenagter Stimmung. Aber es war auch wunderschön.

Im ersten Teil wurden also Lieder und zwei kurze Klavierstücke von Anton Webern gespielt. Es ist eine getragene Schwere, mit einer großen Lust zur Melancholie, die sowohl durch den Text als auch durch die Musik zum Ausdruck kam.

Fast noch beeindruckender als die Lieder fand ich die beiden Klavierstücke. Die “Variationen” op. 27 (1935-36) haben mich ganz besonders beeindruckt: Es kam mir vor wie der Versuch auf einen Walzer, aber Takt und Töne verhinderten, dass eine geschlossene Melodie entstand. Es blieb bei einzelnen Versatzstücken, die nur dadurch zusammengehören, dass sie zusammenkommen wollen, es aber nicht tun. Es war wie ein Darum-Herumschleichen, ein Versuch, der eine Sehnsucht zum Ausdruck bringt nach etwas, das so nicht gesagt werden kann.

Strawinsky war dagegen etwas verdaulicher. Die Lieder trug Rita Balta kraftvoll vor; sie zeichneten sich durch Lautmalerei und (russischer) Volkstümlichkeit aus, und der Webern’schen Schwere wurden eine gute Portion Witz und burschikose Landpartien entgegengesetzt. Ich mochte besonders gern das “Lied der Parascha” aus der kleinen Oper “Mavra” nach A. Puschkin. Parascha singt von ihrem Geliebten, und dies auf so innige, warme Weise, aber mit viel Temperament. Das hat Spaß gemacht.

In Strawinskys Sonate von 1924 schienen mir Anklänge von vielleicht Bach verarbeitet worden zu sein zu einer Fantasie, die ebenfalls von Alexei Lubimov recht temperamentvoll gespielt wurde.

Es ist immer wieder so, und es ärgert mich, dass ich es mir jedes Mal von neuem sagen muss: Solche Art von Musik zu hören inspiriert mich sehr! Ich sollte öfters in solche Konzerte gehen. Meine Freundin und ich haben das Gefühl, dass in unseren Köpfen eine ganze Menge herumgewirbelt wird, als ob sich im Gehirn neue Wege und Verknüpfungen finden. Irgendetwas macht diese Musik mit mir, und das tut ungemein gut.

(Kultur-Tagebuch@yahoo.de, Impressum: Eva-Maria Entreß)

 

Seufzend säuselt die summende Wunderharfe
Die WELT

Echte musikalische Juwelen, klingenden Kleinodien funkelten am Sonnabend im mit mutigen Ohrenmenschen prall gefüllten Spiegelsaal des Museums für Kunst und Gewerbe: David Geringas stellte mit sechs seiner cellostreichenden Meisterschüler die reiche Ausbeute seiner Schatzsuche vor, auf der er lauter zeitgenössische Preziosen entdeckte. Gleich mit Arvo Pärts “Fratres” für Cello-Ensemble und Trommel – archaisch schlichte Klangwelten von suggestiv irisierender Kraft – versetzte uns Geringas und sein vor glutvoller Musikalität strotzendes Ensemble Gericelli in den meditativen Frieden mittelalterlichen Klosterlebens.

Vivaldis Concerto für zwei Violoncelli in g-Moll, das Geringas für sechs Celli bearbeitet hat, antizipierte als Gegenpol der Alten Musik seinerseits die süße Ruh’ der Romantik, bevor es sich in energetischen Prestissimo-Fluten in die Lagune des ewigen Venedig ergoß. Die Offenbarung des Abends: Sofia Gubaidulinas “Am Rande des Abgrunds” für sieben Celli und zwei Aquaphone. Die Komponistin und der Widmungsträger des Werks, Viktor Suslin, schwenkten und strichen selbst die obertönigen, wassergefüllten, Weihrauchgefäßen ähnelnden Waterphones, während die Cellisten ihre Instrumente mit flirrenden Flageoletts in unerhört seufzende und säuselnde, summende und surrende Wunderharfen verwandelten. In Gubaidulinas “Quaternion” schienen gar fliegende Regentropfen an der Grenze der Hörschwelle in so zartem Pianissimo durch den Saal zu schweben, daß das ordinäre Uhrticken unseres Hörnachbarn zum unerträglich lauten Störspiel mutierte. Ermöglicht wurde das Abenteuer von der Belaieff-Stiftung, einem Juwel der Förderung der Neuen Musik. kra

Artikel erschienen in der WELT am Montag, 17. Januar 2005


Erlesene Reihe paart Klassik und russische Moderne
Die WELT

In den meisten Konzertprogrammen spielt zeitgenössische Musik eine Nebenrolle, nur nicht bei den in diesem Jahr neu begründeten Belaieff-Konzerten im Spiegelsaal des Museums für Kunst und Gewerbe. Hier setzt man bewusst auf den Kontrast zwischen Klassik und russischer Moderne. Am 28. Mai (20 Uhr) wird der ukrainische Geiger Oleh Krysa zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Tatjana Tschekina, auftreten. Der weltweit bekannte Virtuose ist Schüler der russischen Geigen-Legende David Oistrach. Das jüngste Werk des Abends stammt von der 1977 geborenen Komponistin Valeria Ivanova und wird zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt. Außerdem erklingen Violinsonaten von Brahms, Debussy und Prokofjew sowie die virtuosen Paganini-Capricen von Karol Szymanowski und das 1982 entstandene Postludium von Valentin Silwestrow. hpe

Artikel erschienen in der WELT am 27. Mai 2004


Erstes Konzert des Belaieff Zyklus in Hamburg
Die WELT

Der russische Komponist und Kurator der Belaieff Stiftung, Viktor Suslin, wünscht sich, dass künftig häufiger als bisher neue russische Musik in Hamburg erklingt. Deshalb startet am 12..Dezember 2003 (20 Uhr) im Spiegelsaal des Museums für Kunst und Gewerbe eine von ihm und der renommierten Stiftung initiierte neue Konzertreihe. Zum Auftakt erklingt “Quasi una sonata” (2. Sonate) für Violine und Klavier und in deutscher Erstaufführung die Fuga für Violine solo des 1998 in Hamburg verstorbenen Alfred Schnittke sowie ein Schubert-Trio und zwei Werke des ukrainischen Komponisten Valentin Silwestrow. Es spielen Mark Lubotsky (Violine), Olga Dowbusch-Lubotsky (Violoncello) und Dmitri Vinnik (Klavier).

Die Stiftung wurde 1884 in St. Petersburg vom Musikmäzen M.P. Belaieff gegründet, der im Dezember 1903 starb. Seitdem setzt sie sich ein für die Komponisten-Förderung und die Planung von Konzerten. Belaieff ist außerdem durch einen nach ihm benannten Leipziger Musikverlag in die Musikgeschichte eingegangen. hpe

Artikel erschienen in der WELT am 4. Dez 2003


Info

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M.P. Belaieff-Stiftung

Kurator: Victor Kissine

Organisation: kontaktadresse@belaieff-konzerte.de

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