24.04.2014: Giya Kancheli: „Exil“

für Sopran, Instrumente und Tonband auf Verse aus der Bibel, von Paul Celan und Hans Sahl

Konzert und Podiumsgespräch mit dem Komponisten

Konzertflyer zum Download

mit Maacha Deubner (Sopran), Natalia Pschenitschnikova (Alt- und Bassflöte) und dem Berliner „ensemble private connections“:  Chatschatur Kanajan (Violine), Nancy Sullivan (Viola), Mathis Mayr (Violoncello), Matthias Bauer (Kontrabass) und Boris Baltschun (Tonband, Synthesizer)

Giya Kancheli, Georgiens bekanntester Komponist der Gegenwart, kommt nach Hamburg, um die hamburgische Erstaufführung seines Werkes “EXIL” mitzuerleben – genau 20 Jahre nach Uraufführung und CD-Einspielung dieses Werkes! Kanchelis Werke sind auf den großen Konzertbühnen der Welt zu Hause – umso mehr ehrt uns sein Besuch in der Alfred Schnittke Akademie.

“Wir lösen uns von der realen, periodisch erlebten Zeit und erleben die wie eine Wolke dahingleitende Zeit der Endlosigkeit. In der relativ kurzen Dauer der Musik erleben wir ein ganzes Leben oder eine ganze Geschichte. … Wir gleiten über Jahrhunderte wie in einem Flugzeug, ohne Geschwindigkeit zu spüren.” (Alfred Schnittke über die Musik Kanchelis)

Die Musik des im Exil lebenden Georgiers ist so eindringlich wie unverwechselbar, so merkwürdig wie faszinierend. Wer nur einmal ein Werk des georgischen Künstlers gehört hat, wird wissen, dass man sich dem Bann dieser Musik nicht entziehen kann. Weite Klangflächen, oft pianissimo, plötzliche eruptive dynamische Ausbrüche, die Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Gegenwart sowie die Arbeit mit versunkenen Klangchiffren vergangener Zeiten, ein zutiefst religiöser Gehalt – all das macht den musikalischen Kosmos Kanchelis aus. Es sind die großen Themen, die den Komponisten auch in “EXIL” bewegen: 

I PSALM 23 – II EINMAL (Paul Celan) – III ZÄHLE DIE MANDELN (Paul Celan) – IV PSALM (Paul Celan) – V EXIL (Hans Sahl)

“Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.” (Psalm 23,5)

Exodus ∙ Völkerwanderung ∙ Flucht ∙ Vertreibung

Emigration ∙ Landsuche ∙

Heimatverlust ∙ Geborgenheitssehnsucht ∙

die Menschen als Wanderer auf Erden ∙

das Leben als Durchgang zur Ewigkeit ∙

unwirkliche Freiheit im „gelobten Land“?

Exil – das ewige Thema der Menschheit

erfahren, erspürt, verdichtet, erlauscht

in Religion, Poesie und Musik

 

Giya Kancheli (*1935 in Tblissi) studierte von 1959 bis 1963 am Konservatorium in Tbilissi bei Iona Tuskija. Seit seinem Examen ist er als freischaffender Komponist tätig. Angeregt durch seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Robert Sturua begann eine intensive Auseinandersetzung mit Filmmusik und musikdramatischen Werken. 1971 wurde Kancheli musikalischer Leiter des Rustaweli-Theaters in Tbilissi.

Der Komponist übersiedelte 1991 nach Berlin, wo er ein Stipendium des DAAD erhielt. 1995 wurde er Composer-in-residence der Königlichen Flämischen Philharmonie in Antwerpen und lebt seither in Belgien. Als Composer-in-residence wurde er u.a. nach Lockenhaus, Amsterdam, Salzburg, Melbourne und Verbier eingeladen. 1999 stand sein Schaffen im Mittelpunkt der Internationalen Musikfestwochen Luzern.

Nachdem Kancheli in en 60er Jahren als Komponist der „sowjetischen Avantgarde“ begonnen hatte, erarbeitete er sich seitdem zielstrebig seinen eigenen Stil, der auf einfachsten Formeln beruht, wie sie sich in der Musik verschiedenster Epochen finden lassen: vom archaischen Volkslied bis zu Elementen moderner Unterhaltungsmusik. Sein Schaffensprozess ist davon bestimmt, musikalische Materie wie einen lebenden Organismus entstehen zu lassen. Paradoxerweise existieren Modernität und Archaik in seiner Musik nebeneinander. Im Zentrum seines Schaffens stehen sieben Sinfonien (1967 bis 1986) und die Oper „Musik für die Lebenden“ (1982).

Kanchelis Klangwelt besitzt etwas ungemein Natürliches. Seine musikalischen Strukturen richten sich allein nach emotionalen Gesichtspunkten wie Steigerung und Spannung, Erregung und Ruhe. Er arbeitet mit dynamischen Extremen und fordert nicht selten äußerste Langsamkeit. Kanchelis Musik ist atmosphärisch seiner Heimat Georgien verbunden, ohne dass sie jedoch georgische Folklore zitiert. Nostalgie und Melancholie sowie Trauer über die politischen Zustände in der damaligen Sowjetunion und die Zerstörungen des georgischen Bürgerkrieges prägen seinen Stil.

 

Die aus Freiburg stammende Sopranistin Maacha Deubner lebt heute in Berlin. Sie studierte in Hamburg bei Judith Beckmann und besuchte Meisterkurse bei Kurt Widmer, Ralf Gothoni, Dalton Baldwin und Elisabeth Schwarzkopf.

Abgesehen von zahlreichen Auftritten in Deutschland gastierte Deubner in Wien, Paris, Kairo, New York und Philadelphia sowie bei internationalen Festivals (Musik-Biennale Berlin, Göttinger Händel-Festspiele, Kammermusikfest Lockenhaus, Wien Modern, Schleswig-Holstein Musik Festival, NYDD-Festival Tallinn/Estland, West Cork Chamber Festival/Irland, Musikfestwochen Luzern, Berliner Festwochen u.v.m.).

Sie arbeitete zusammen mit Dirigenten wie Vladimir Jurowski, Vladimir Ashkenazy, Michael Gielen, Valery Gergiev, Kurt Masur, Johannes Kalitzke, Roland Kluttig, Stefan Asbury, Emilio Pomarico, Johannes Debus, Andres Mustonen und deren Orchestern.

Werke von Luigi Nono, Morton Feldmann, Eliot Carter, B.A. Zimmermann, Arnold Schönberg, Friedrich Schenker, Henri Pousseur gehören zu ihrem Repertoire. Mit Gidon Kremer wirkte sie 1995 mit bei der Uraufführung von Giya Kanchelis „Lament“ für Violine, Sopran und Orchester.

Intensiv widmete sich Deubner auch der Kammermusik und dem Lied. Für ECM Records hat sie Werke von Giya Kancheli und Valentin Silvestrov eingespielt. Die CD „Leggiero, pesante“ (ECM New Series) mit dem Rosamunde Quartett erhielt 2003 eine Grammy-Nominierung.

Maacha Deubner war auch in vielen Opernpartien zu hören; Die CD mit Ernst Kreneks Oper „Sardakai“ (Capriccio) wurde 2007 mit dem Echo Klassik-Preis ausgezeichnet.

 

Natalia Pschenitschnikova, seit 1993 wohnhaft in Berlin, wurde in Moskau geboren. Sie erhielt seit frühester Kindheit Musikunterricht und besuchte zunächst die Zentrale Musikschule. Danach absolvierte sie das Tschaikowsky-Konservatorium und legte ihr Solistenexamen im Fach Flöte mit Auszeichnung ab. Parallel dazu studierte sie Tanz (klassisches Ballett). Bereits mit 17 war sie Mitglied einer experimentellen Theatergruppe und beschäftigte sich mit Klangexperimenten, Komposition, Schauspiel, Tanz, Performances, Improvisationen und Videos.

Zusammen mit ihrer Schwester Elena (Klavier, Cembalo) unternahm sie Konzertreisen durch Russland. Das Duo führte selten gespielte Stücke des Barock auf nachgebauten historischen Instrumenten auf, aber auch zunehmend Werke des 20. Jhs.

Im Performance-Bereich realisierte sie mehrere Solo-Projekte. Bei Aktionen mit bildenden Künstlern wurden die Grenzen der Kunstarten aufgelöst.

In der letzten Zeit hat sich Pschenitschnikova auch als Vokalistin in der experimentellen Musik einen Namen gemacht. Sie ist Autorin von Klangaktionen sowie von Film- und Theatermusik. Zur Zeit bilden Vokalwerke von Ciacinto Scelsi und Iannis Xenakis einen Schwerpunkt in ihrem Repertoire.

Regelmäßig nahm die vielseitige Künstlerin an den wichtigsten internationalen Festivals für Neue Musik teil. Dabei brachte sie viele eigens für sie komponierte Werke zur Uraufführung (u.a. Stücke von Peter Ablinger, Nic Collins, Johannes Fritsch, Anna Ikramova, Giya Kancheli, Vadim Karassikov, Siegfried Kopf, Bernhard Lang, Klaus Lang, Daniel Matej, Sergej Newski und Helmut Oehring).

Von Natalia Pschenitschnikova liegen Schallplatten- und CD-Aufnahmen der Labels Melodija, Art&Electronica, col legno und ECM Records vor.

 

Chatschatur Kanajan (*1971 in Moskau) ist seit 1998 Mitglied des Berliner ensembles mosaik. Er studierte Violine in Moskau, Dresden und Berlin; es folgte ein Dirigier- und Kompositionsstudium an der Universität der Künste Berlin. Kanajan war Stipendiat der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart und der Cité Internationale des Arts in Paris. 2002 und 2010 gewann er einen 1. und 2. Preis für Interpretation beim Hanns Eisler Preis für Komposition und Interpretation. Von 1997 bis 2007 war Kanajan Mitglied des Kairos Quartetts sowie verschiedener anderer Ensembles für Neue Musik. 2002 debutierte er als Operndirigent mit Flut von Boris Blacher, 2006 und 2010 übernahm er das Dirigat der Hip H’Operas Così van tutte an der Komischen Oper Berlin und Der Rap des Nibelungen am Theater Freiburg. Seit 2008 ist er Dirigent der european music projects.

Als Komponist erhielt Kanajan Aufträge des Berliner Senats und des Festivals UltraSchall; für das ensemble mosaik und das Kairos Quartett schuf er Kompositionen, Performances und Installationen. Er nahm an den wichtigsten Internationalen Festivals für zeitgenössische Musik teil und wirkte bei zahlreichen Rundfunk- und CD-Produktionen mit.

 

Nancy Sullivan

Konzertmeisterin (Viola) im Münchner Kammerorchester

 

Mathis Mayr (*1972) ist seit 2008 Mitglied des Berliner ensembles mosaik. Er studierte Violoncello in Sydney (Australien) und an der Hochschule für Musik in München. 2005 wurde Mathis Mayr mit dem Förderpreis für Musik der Stadt München ausgezeichnet. Sein Repertoire umfasst Werke von der Renaissance- und Volksmusik bis zu zeitgenössischen Kompositionen, vom Jazz bis zum Flamenco. Er interessiert sich sowohl für die historische Aufführungspraxis als auch für experimentelle elektronische Musik. So spielte er Improvisationskonzerte, wirkte bei Tanztheaterprojekten mit, trat als Solist mit den Cellokonzerten von Schumann und Dvorak auf und brachte zahlreiche zeitgenössische Werke zur Uraufführung.

Mit dem Flötisten David Eschmann gründete Mayr das Duo Canto Sass‘, das sich dem traditionellen Liedgut des Alpen- und Mittelmeerraumes widmet. Er gastierte mit dem Sachiko Hara Quintet auf dem Festival Jazz Lines in München und mit der chinesischen Sängerin Gong Linna bei zahlreichen Weltmusik-Festivals. Mit dem ensemble piano possibile, vor allem aber auch mit dem ensemble mosaik gastierte er bei vielen wichtigen internationalen Festivals für zeitgenössische Musik und wirkte bei Rundfunk- und CD-Produktionen mit.

 

Der Musiker und Künstler Boris Baltschun (*1974 in Bremen) lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte elektronische Musik am Institut für Sonologie in Den Haag. Seit 15 Jahren tritt er als Computer-Künstler, Pianist und Organist auf – solistisch oder mit den Ensembles bbb (Serge Baghdassarians/Boris Baltschun/Burkhard Beins) und The Pitch. 

Seit 1999 arbeitet Baltschun eng mit Serge Baghdassarians zusammen. Zur Realisation ihrer Ideen bedienen sie sich unterschiedlicher Medien (Installation, Skulptur, Radio, Video, Performance). Die beiden erhielten zahlreiche Preise und Stipendien, zuletzt den Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst. Ihre Arbeiten wurden international in Ausstellungen und Festivals gezeigt, u.a. bei den Donaueschinger Musiktagen, in der Diapason Gallery (New York), im Moderna Museet (Stockholm), in der Singuhr Hörgalerie (Berlin) und Bridge (Osaka), in Amsterdam, Brüssel, Sao Paulo, Straßbourg, Tokio, Los Angeles und San Francisco. Für Deutschlandradio Kultur produzierten Baltschun und Baghdassarians zuletzt die Hörstücke bodybuilding (2011) und audioguide (2010).

 

I PSALM 23 

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens Willen und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Der Herr ist mein Hirte. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. (aus Psalm 9):

Die Heiden sind versunken in der Grube, die sie gegraben. Domine, exaudi vocem meam. Herr, höre meine Stimme.

 

II Paul Celan (aus „Atemwende“) 

EINMAL,

da hörte ich ihn,

da wusch er die Welt,

ungesehn, nachtlang,

wirklich.

 

Eins und Unendlich,

vernichtet,

ichten.

 

Licht war. Rettung.

 

III Paul Celan (aus „Mohn und Gedächtnis“) 

ZÄHLE DIE MANDELN,

zähle, was bitter war und dich wachhielt,

zähl mich dazu:

 

Ich suchte dein Aug, als du’s aufschlugst und niemand dich ansah,

ich spann jenen heimlichen Faden,

an dem der Tau, den du dachtest,

hinunterglitt zu den Krügen,

die ein Spruch, der zu niemandes Herz fand, behütet.

 

Dort erst tratest du ganz in den Namen, der dein ist,

schrittest du sicheren Fußes zu dir,

schwangen die Hämmer frei im Glockenstuhl deines Schweigens,

stieß das Erlauschte zu dir,

legte das Tote den Arm auch um dich,

und ihr ginget selbdritt durch den Abend.

 

Mache mich bitter.

Zähle mich zu den Mandeln.

 

IV Paul Celan

 PSALM

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,

niemand bespricht unsern Staub.

Niemand.

 

Gelobt seist du, Niemand.

Dir zulieb wollen

wir blühn.

Dir

entgegen.

 

Ein Nichts

waren wir, sind wir, werden

wir bleiben, blühend:

Die Nichts-, die

Niemandrose.

 

Mit

dem Griffel seelenhell,

dem Staubfaden himmelswüst,

die Krone rot

vom Purpurwort, das wir sangen

über, o über

dem Dorn.

 V Hans Sahl

 EXIL

Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.

Der Staub verweht.

Ich habe meinen Kragen hochgeschlagen.

Es ist schon spät.

Die Winde kreischt. Sie haben ihn begraben.

Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen. 

Zu spät.