26. 04. 2013: Viola & Kontrabass-Kammermusikabend

Sperger – Ustwolskaja – Schostakowitsch – Gubaidulina

Vladimir Botchkovskiy – Viola
Alexander Suslin – Kontrabass
Irina Kolesnikova – Klavier

 

Das Programm:

 Johann Matth. Sperger (1750-1812)

 Sonate D-Dur für Viola und Kontrabass

Galina Ustwolskaja (1919-2006)

Großes Duett (1959) für Violoncello und Klavier

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)

Sonate in C für Viola und Klavier op. 147 (1975)

Sofia Gubaidulina (*1931)

 „Quasi hoquetus“ (1984/85) für Viola, Fagott und Klavier

 

Größer könnten die Gegensätze im ersten Programmteil kaum sein: Zwischen der klassischen Eleganz und Gefälligkeit der Kontrabass-Sonate von Johann Matthias Sperger und Galina Ustwolskajas Großem Duett in seiner Schroffheit und Radikalität liegen Welten!

Sperger wurde in Wien zum Kontrabassisten und Komponisten ausgebildet. Nach 20jährigem Wirken an den Hofkapellen österreichisch-ungarischer Grafen und Erzbischöfe sowie in der Wiener Tonkünstlersozietät wurde er 1789 erster Kontrabassist der Mecklenburgisch-Schweriner Hofkapelle in Ludwigslust. Er schrieb mehr als 44 Sinfonien, Konzerte (darunter 18 für Kontrabass), Sonaten, Tänze, Kantaten, Chöre und Arien.

Galina Ustwolskajas Œuvre wurde „wie ein Meteorit in der musikalischen Welt“ beschrieben, ihr Stil „kraftvoll, energetisch, sperrig, von eigenwilliger Dichte und kompromissloser Entschiedenheit, klar und geradlinig.“ Andere Etikettierungen wie „Kammermusik“ oder „religiöse Musik“ lehnte sie stets strikt ab. „Das NICHT-kammermusikalische in meiner Musik ist das Neue, die Frucht meines qualvollen Lebens im Schaffensprozess. (…) All diejenigen, die meine Musik wirklich lieben, bitte ich, auf eine theoretische Analyse zu verzichten. Vieles, was Musikwissenschaftler über mich geschrieben haben, entspricht nicht der Wahrheit.“ Unbestreitbar jedoch ist die folgende knappe Charakteristik: „Die von Ustwolskaja in ihren ungezügelten Extremen eingesetzten musikalischen Werte hoch und tief, laut und leise, schnell und langsam, gelangen in Verbindung mit dem reduzierten Tonmaterial und geradezu obsessiv wiederkehrenden rhythmisch-melodischen Modellen zu elementarer Wucht.“ (Christian Esch)

Die Sonate für Viola und Klavier op. 147 ist Schostakowitschs letztes vollendetes Werk. Drei Tage nachdem die Reinschrift des Manuskripts in die Hände des Widmungsträgers Fjodor Druzhinin  gelangt war, starb er (am 9. August 1975). Es war ihm nicht mehr vergönnt, sein Werk zu hören. Freunde veranstalteten in seiner Wohnung zu seinem 69. Geburtstag am 25. September ein Gedenkkonzert, bei dem die Sonate erklang. Die offizielle, posthume Uraufführung fand am 1. Oktober 1975 im Glinka-Saal der Leningrader Philharmonie statt.
Wie viele Spätwerke Schostakowitschs ist auch dieses auf ein Minimum an Virtuosität reduziert und von einem langsamen Satz als emotionalem Zentrum geprägt. Im dramatisch-aufgewühlten ersten Satz wechseln leidenschaftliche Ausbrüche mit trockenen Pizzicato-Akkorden (à la A. Berg) ab. Das folgende Scherzo entwickelt sich in der Form eines grotesken Tanzes. Assoziationen an Mahler und Strawinsky werden spürbar. Im abschließenden Adagio klingen – wie verschleiert – rhythmische und melodische Strukturen aus der „Mondscheinsonate“ von Beethoven an. Der ruhig dahinfließende und dennoch leidenschaftliche Klangstrom verbreitet Gefühle von Abschied und Tod.

In „Quasi hoquetus“ greift Sofia Gubaidulina auf die mittelalterliche Hoquetus-Technik zurück (vom bretonischen Wort für „Schluckauf“ abgeleitet), die der Theoretiker Franco von Köln Ende des 13. Jhs als „truncatio vocis“ (Zerschneiden der Stimme) beschrieb: Eine Melodie wird in Fragmente zerschnitten und wandert im durchbrochenen Satz durch alle Stimmen. Bei Gubaidulina umfasst dieser Ansatz alle Elemente des Materials (Melodie, Harmonik, Klangfarbe), wobei zwischen den Instrumenten keine thematisch-motivischen Bezüge hergestellt werden. In dieser instabilen „Anti-Struktur“ sorgen Mixturklänge, Glissandi und Cluster zusätzlich für tonale Unbestimmtheit. In der konstitutiven, symbolhaften Verwendung von Kreuzes- und Zahlenfiguren (Fibonacci-Folgen) spiegelt sich eine spirituelle Haltung wider.

Irina Kolesnikova (geb. in Minsk, Belarus) schloss 1996 ihr Studium am Leningrader Konservatorium ab als Musikpädagogin, Konzertpianistin und Kammermusikerin. Vor ihrer Einbürgerung in Deutschland wirkte sie als Dozentin an der Musikhochschule Minsk sowie als Korrepetitorin an der Musikschule für Hochbegabte. Sie war Mitglied des „Collegium musicum“ und des „Minskorchesters“ und gab Konzerte in ganz Europa. Seit 1999 lebt sie in Hamburg, wo sie als Korrepetitorin an der Hochschule für Musik und Theater sowie am Konservatorium tätig ist. Sie hat sich einen Namen gemacht als Partnerin von diversen Instrumental- und Gesangssolisten.

Vladimir Botchkovskiy, 1974 in der Ukraine geboren, erhielt mit 6 Jahren ersten Geigenunterricht und begann mit elf Bratsche zu spielen. In Moskau studierte er am Konservatorium bei Fjodor Druzhinin, dem Bratschisten des legendären Beethoven-Qartetts. 1994 setzte er sein Studium an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater fort. Von 1997 bis 1998 war er Bratschist im NDR-Sinfonieorchester unter GMD Günter Wand. Sein Konzertexamen absolvierte er 2005 mit dem Bratschenkonzert von Béla Bartók. Als Student war Botchkovskiy Stipendiat der Otto-Stöterau-Stiftung und der Franz Wirth-Gedächtnis-Stiftung. 1999 bis 2006 musizierte er in div. Kammerensembles (u.a. Hamburger Camerata, Scardanelli Quartett, Hamburger Mozart-Orchester) und trat als Solist im In- und Ausland auf. Seit 2005 ist Botchkovskiy Bratschist beim Aalborg Symphonieorchester (Dänemark).

Alexander Suslin, 1971 in Moskau geboren, lebt seit 1982 in Deutschland und studierte am Hamburger Konservatorium. 1991 wurde er Mitglied des Improvisationsensembles „Astrea“ mit Sofia Gubaidulina und Viktor Suslin. Seit 1994 lehrt er Kontrabass  an der Musikschule Pinneberg. 2010 wurde Alexander Suslin mit dem Kulturpreis der Stadt Pinneberg ausgezeichnet. Als Solist und Kammermusiker konzertierte er in vielen Ländern Europas sowie in Japan und Russland. Außerdem war er an mehreren CD- und TV-Produktionen beteiligt.