01.03.2013: Valentin Silvestrov / Lieder- und Klavier-Abend

Victoria Mun – Sopran
Alan Newcombe – Klavier

Das Programm:

Valentin Silvestrov (*1937)
Stufen

Zyklus von 11 Liedern (1980-1982, 1997) für Sopran (oder Tenor/Bariton) und Klavier

  1. Widmung (1997)
    Verse: Alexander Blok
  2. Elegie Verse: anonym
  3. Meine Seele…
    Verse: Fjodor Sologub
  4. Schon mischen sich die grauen Schatten
    Verse: Fjodor Tjutschew
  5. Was wollt ihr Tage?
    Verse: Jewgenij Baratynskij
  6. Elegie
    Verse: Alexander Puschkin
  7. Oh, meine Seele voller Heil
    Verse: Fjodor Tjutschew
  8. Ihr Schwestern – Zärte und Schwere
    Verse: Ossip Mandelstam
  9. Zum Schlaf…
    Verse: John Keats (O soft embalmer)
  10. Letzte Liebe
    Verse: Fjodor Tjutschew
  11. Das Wort bleibt ungesagt, ich find’s nicht wieder
    Verse: Ossip Mandelstam

Der Bote – 1996, für Klavier (1996-97)

Im Liedzyklus Stufen schreiten wir durch verschiedene Räume eines „Hauses des Liedes“, so der Komponist, und hören „auf verschiedenen Stufen“ die Stimmen einiger Dichter: vom Anonymus bis hin zu Puschkin, Tjutschew, Mandelstam, Blok und Sologub – die sich in einem harmonischen Einklang verbinden.
In den frühen 70er Jahren hat Silvestrov mit seinem radikalen Umschwung zu einem neuen Traditionalismus, der von einigen Kollegen als Verrat an der Avantgarde angesehen wurde, eine bis heute andauernde heftige Polemik ausgelöst. Aus allen Stilen hatte er den „schwachen“ oder, wie er ihn später nannte, „metaphorischen Stil“ gewählt, der auf den ersten Blick keine markanten Züge besitzt. Der sehr direkten Ausdrucksweise der Avantgarde zog er das „Sinnbild“ vor, der „aktuellen“ Sprache der Gegenwart die „nicht aktuelle“ der Vergangenheit. An die Stelle einer einfachen Stilisierung tritt eine von Individualität und Raffinesse geprägte Ausdrucksweise.
Schon für seinen großen Zyklus „Stille Lieder“ (1974-77) erklärte Silvestrov: „Die Poesie singt sich selbst. Alle Lieder muss man sehr leise singen, mit einem transparenten, hellen Klang, nicht so expressiv, ohne zu psychologisieren… Der Zyklus soll wie ein Lied gesungen werden.“ Viel später kommentierte der Komponist seine Stilwende mit einer Art künstlerischem Credo: „Im Grunde genommen ist Poesie in Rede umgeschmolzene Musik, der ein ewiges Leben bestimmt ist. (…) Guten Versen ist bekanntlich eine eigene Musik inne, und ich verspüre einfach das Bedürfnis, mich ihr unterzuordnen. (…) Die Poesie (…) ist die Rettung des Wichtigsten, der Melodie, der Melodie als einem ganzheitlichen Organismus. Musik, auch wenn man sie nicht im wörtlichen Sinne singen kann, ist trotzdem Gesang – keine Philosophie, kein Weltbild, sondern Gesang der Welt über sich selbst, gleichsam musikalisches Zeugnis des Seins.“
Sowohl in den „Stillen Liedern“ als auch in „Stufen“ ist – so Silvestrov – die Poesie „die wahre Heldin“ (nicht ein Sujet oder ein lyrischer Held wie z.B. in Schuberts „Winterreise“). Bis auf zwei Ausnahmen zieht sich die klassische russische elegische Lyrik (griech.-lat. Elegie = Klagegesang) wie ein roter Faden durch den Zyklus.

Zwischen den Gedichten wandern die typisch „elegischen“ Motive hin und her: Liebe, Sehnsucht, Seele, Abschied, Tod, Vergessen, Wahnsinn, Trauer, Abend, Nacht, Schlaf, Traum, Schatten, Stille, Naturidyll … – keine Klischees, sondern Details eines einheitlichen Ganzen. Nichts stört die Poesie, „sich selbst zu singen“. Die Vokalpartie taucht in ein vibrierendes, durch-sichtiges Klanggewebe ein und schimmert daraus hervor. Immer deutlicher nimmt der Hörer das intensive Innenleben dieses Gewebes wahr. Die feinen Abstufungen der Dynamik und Agogik scheinen unerschöpflich… (T. Frumkis, U. Patow)                                                    
 
Das seiner verstorbenen Frau Larissa Bondarenko gewidmete Werk Der Bote – 1996  wurde quasi Silvestrovs Visitenkarte. Der Titel bezieht sich auf Texte des russischen Philosophen Jakov Druskin, zu dem Silvestrov eine geistige Verwandtschaft verspürt. Druskin zufolge ist der „Bote“ eine symbolische Figur für die Verbindung zwischen „dieser“ und „jener“ Welt. Nebelhaft, mit leichtestem Anschlag (Anweisung in den Noten) spielt der Pianist die von Pausen unter-brochenen Dur-Dreiklänge. Wie Eisblumen beim Hauchen auf frostiges Glas (sehr zart, entfernt, hell und traurig) entsteht vor uns ein „mozartsches“ Thema und aus ihm eine einfache altertümliche Sonatine im Geiste des 18. Jhs.. Kaum haben sich die Melodien des „Boten“ gebildet, schmelzen sie auch schon in den Strahlen feinster Tempo- und Dynamik-Nuancen sowie leisester Pedal-Echos. Auf diese Weise kommen die geliebten Figuren immer wieder herangeschwommen, wobei sie mitunter ihre Konturen verlieren, aber niemals zur Gänze aus unserem Gedächtnis verschwinden. Im Vorwort zur gleichnamigen CD („Der Bote“ ECM New Series) schreibt der Pianist Alexei Lubimov: „Vergessen gibt es nicht, sagt Silvestrov mit seinem „Boten“. Man muss nur das Fenster aufmachen, ein Streichholz anzünden, eine Wolke betrachten, einen Dreiklang anhören; und das Gedächtnis – nicht nur unser eigenes, sondern auch das uns unbekannte Gedächtnis unserer Boten – beginnt ein Wunder zu vollbringen.“ (T. Frumkis)

Victoria Mun (*1986 in St. Petersburg) gewann 2002 als Austauschschülerin in Kansas/USA den ersten Preis bei einem Gesangswettbewerb und sang dort 2003 die Titelrolle in Rogers and Hammerstein’s Musical „Cinderella“. 2006 begann Vika Mun ihr Studium der Gesangspädagogik an der Alfred Schnittke Akademie Hamburg in der Klasse von Holger Lampson. Sie nahm u.a. an Meisterkursen von Karola Theil, Elena Prokina, Anthony Roden und Agnes Giebel teil. Als Mitglied der Improvisations-gruppe „Farbraum“ trat sie u.a. im Rahmen der Theaternacht in Dortmund auf. Zudem war sie als improvisierende Sängerin und Darstellerin mit dem free-jazz Trio (B. Lücker, Schlagzeug; J. Hughes, Kontrabass) zu erleben. Im Rahmen des Hamburger Jazzfestivals 2010 trat sie auf „Kampnagel“ mit „Healthy Poison“ auf. Ferner sang sie Hauptpartien in Performances der Altonale 2009, für das Interkulturelle Festival „eigenarten“ und in der Improvisations-Oper „frequenza“ im Monsun-Theater. Ihr besonderes Interesse gilt der zeitgenössischen Musik.

Alan Newcombe, 1957 in St. Helens (Lancashire, England) geboren, erhielt ersten Klavierunterricht im Alter von fünf Jahren. Nach seinem Abschluss der Junior Music School von Ormskirk mit besonderer Auszeichnung und einem privaten Studium bei Nancy Evans erlangte er 1973 das Konzertdiplom am Trinity College London. Anschließend studierte er Russisch und Französisch an der University of Oxford. Seit 1979 lebt Newcombe in Hamburg. Er gehört dem Hildesheimer Klaviertrio an. Konzertreisen als Solist und Kammermusiker führten ihn durch Europa, aber auch bis nach Brasilien, in die Ukraine und Mongolei. Neben seiner Tätigkeit als Musiker arbeitet er als Redakteur und Programm-Manager für internationale Platten-Labels.