14.09.2012: Valentin Silvestrov zum 75. Geburtstag

Herr Sylvestrov wird beim Konzert anwesend sein.

Ensemble für Neue Musik “Ricochet” (Kiew):

Mykhailo Bilych , Violine Zoltan Almashi, Violoncello Dmytro Tavanets, Klavier

Das Programm

Valentin Silvestrov (*1937)

Drama (1971)
für Violine, Violoncello und Klavier

  1. Sonate für Violine und Klavier
  2. Sonate für Violoncello und Klavier
  3. Trio für Violine, Violoncello und Klavier

 Pause

 “Ich schreibe keine neue Musik. Meine Musik ist zugleich Antwort und Echo auf das, was schon existiert.” (V.S.)

 “Mozart-Augenblicke” (2006)
Trio für Violine, Violoncello und Klavier
in 6 Sätzen attacca

“28. Juli 1750 … in memoriam J.S.B.” (2004)
für Violoncello solo

“Fünf Serenaden” (2006)
für Klavier solo (attacca)

 “Musik in der Winternacht” (2011)
für Violine, Klavier und Synthesizer

  1. Tango
  2. Serenade “Wilde Erdbeeren

“Hommage à J.S.B. (quasi echo)” für Violine und Klavier (2009)

“Eigentlich ist “Drama” ein Trio für Violine, Violoncello und Klavier in drei Sätzen, die attacca ineinander übergehen. Die attacca-Übergänge gehören zur Komposition, denn hier gibt es Elmente des Instrumentaltheaters. Wenn die Violinsonate endet, geht die Musik in Geräusche und Gesten über, ein Streichholz wird angezündet und ausgepustet, die Situation ist verwirrend; in diesem Moment tritt der Cellist auf, man hört die Schritte, aber die Störungen gehören dazu. Am Ende der Cellosonate kommt auf ein Signal hin der Geiger hereingelaufen und spielt mit der Bogenspitze im Innern des Flügels, danach beginnt das Trio.

Der Titel “Drama” hat mehrere Bedeutungen: einen direkten aufgrund einer Ursprungsdramatik, eine menschliche, situationsgebundene (so lebten wir damals)… und das Drama der Musik selbst: Sie durchlebt Begegnungen, Dialoge, Konfrontationen… Das modale musikalische Material hat eine themenähnliche Gestalt, dort aber, wo das Sonore und Geräuschhafte überwiegt, prägt ein Gestus die Idee.

Was kann man zum Stil sagen? In diesen Jahren machten überall in der Welt Komponisten, die avantgardistische Musik schrieben, eine mehr oder weniger fundamentale Krise durch. Die Möglichkeiten der früheren “Sterilität” waren ausgeschöpft… das weltumspannende Kloster hatte einen Riss bekommen… Ich wollte damals alle musikalischen Systeme – das modale, tonale, atonale und dodekaphonische System – zu einer Einheit bringen. Ich bin von Klangsystemen ausgegangen, nicht von Stilen. Das Klangsystem ist dem Stil untergeordnet. Um diese Einheit zu ermöglichen, ist es nötig, dass bereits im Anfangsimpuls der Idee, wie in einem Augenblick, alle Systeme potenziell, jedoch unmerklich vorhanden sind.” (Valentin Silvestrov)

Nachdem Silvestrov bis Ende der 90er Jahre u.a. eine beachtliche Reihe großer sinfonischer Werke geschaffen hat, wandte er sich im neuen Jahrtausend vornehmlich kleineren Genres zu. Seitdem ist der Strom an Bagatellen, Serenaden, Walzern, Pastoralen, Barcarolen und ”Augenblicken” für verschiedene Besetzungen nicht versiegt. Hierbei interessierte ihn vor allem die Melodie, jedoch nicht als etwas Fertiges, sondern als Antwort auf “augenblicklich” aufblitzende und das Ohr des Komponisten nicht mehr loslassende Intonationen, Rufe, Motive. Die kurze Form ermögliche es, den Augenblick als solchen einzufangen und “anzuhalten”, ohne ihn mit sog. thematischer Arbeit zu belasten. Dabei wird der Text auf besondere Weise wiedergegeben und artikuliert: In den Vordergrung rückt das, was normalerweise Hilfsmittel sind: Agogik, Tempo, Dynamik, Pedalführung, mithin alles, was den sog. “metaphorischen Stil” des Komponisten ausmacht und dem Text Mehrdimensionalität und trotz aller Post- und Neo-Assoziationen Modernität verleiht.

Valentin SilvestrovValentin Silvestrov wurde am 30 September 1937 in Kiew geboren, wo er bis heute als freischaffender Künstler lebt. Er gilt als der führende Vertreter der “Kiewer Avantgarde”, die um 1960 an die Öffentlichkeit trat und von den Verfechtern der konservativen sowjetischen Musikästhetik heftig kritisiert wurde. Trotz erfolgreicher Aufführungen im Westen fand seine Musik im eigenen Land nur inoffiziell Resonanz (dank einiger mutiger Interpreten), weshalb sie zeitweise sogar verboten war. Seit Ende der 80er Jahre aber erschienen seine Werke auf zahlreichen CDs und fanden einen festen Platz auf internationalen Festivals und Konzertbühnen. Silvestrov hat immer seine Eigenständigkeit bewahrt – sowohl in der frühen avantgardistischen Periode als auch nach seiner stilistischen und ästhetischen Wende in den 70er Jahren.

Ensemble Ricochet

Das Ensemble für Neue Musik “Ricochet” wurde 1999 in Kiew gegründet und rekrutierte sich aus Studenten und Absolventen des Kiewer Konservatoriums. Gründer und künstlerischer Leiter ist der Komponist Serhiy Pilyutikov, die musikalische Leitung hat Viktoria Ratsiuk. Ziel des Ensembles ist die Vermittlung herausragender Werke verschiedenster Stilrichtungen des 20. und 21. Jahrhunderts, weshalb eine beachtliche Zahl an Uraufführungen auf sein Konto gehen. In unterschiedlichen Besetzungen (vertreten sind die Instrumente Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, 2 Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabass und Klavier) ist das Ensemble regelmäßig zu Gast bei den wichtigsten ukrainischen Festivals für Neue Musik wie dem “Kiewer Musikfest”, den “Kiewer Jahreszeiten – Musikpremieren”, dem “Jugendmusikforum”, “Zwei Tage und zwei Nächte”, “Kontraste”. “Ricochet” arbeitet auch mit der niederlaendischen Gaudeamus Stiftung für zeitgenössische Musik und anderen Organisationen zusammen. Mykhailo Bilych, Zoltan Almashi und Dmytro Tavanets – allesamt Absolventen der besten Musikhochschulen der Ukraine und Russlands sowie mehrfache Preisträger internationaler Wettbewerbe – gehören z.T. mehreren Ensembles und Orchestern an, sind aber auch als Solisten gefragt.


Nächstes Konzert:

28. September 2012, 20 Uhr

Anton Webern – Igor Strawinsky

Liederabend mit Rita Balta (Sopran) und Alexei Lubimov (Klavier)