18.11.2011: Liszt und die Musik der Zukunft

Liszt,  Ginastera, De Falla, Debussy, Ustwolskaja

Andreas Mühlen, Klavier

Franz Liszt wird manchmal der “Paganini des Klaviers” genannt – ein oberflächlicher und höchst ungerechter Vergleich, beschränkte sich doch sein Einfluss nicht nur auf die Revolutionierung des Klavierspiels, sondern umfasste die gesamte Musik. Es war Liszt, nicht Wagner, der die „Tristan-Harmonie“ entdeckte, die Zwölftonreihe als Thema („Faust-Symphonie“) sowie die sinfonische Dichtung, in der die vier Sätze der traditionellen Sinfonie zu einer großen neuen Form verbunden sind, die sich unvorhersehbar entwickelt – ohne „vorgegebene“ Reprise, mit ungewöhnlichen Metamorphosen der Themen und Leitmotive. Liszts „Tentakel“ reichen weit in die Zukunft. Zu seinen musikalischen Nachfahren gehören neben den Komponisten auf unserem heutigen Programmzettel u.a. auch Scriabin, Ravel, Bartók, Ligeti und sogar Schostakowitsch. Mit vielen Komponisten des 19. Jahrhunderts hatte Liszt das Interesse am „Nationalen“ gemein, doch war vor allem er eine erstaunlich integrale Figur in der europäischen Musik – kein provinzieller „Ferencz“, sondern ein allgemein-europäischer „Franz“.

Programm:

Franz Liszt (1811-1886)
Aus Années de pèlerinage, troisième année 
    Nr. 5 Sunt lacrymae rerum (1872)
La Lugubre Gondola I (1882)
La Lugubre Gondola II (1882)
Schlaflos, Frage und Antwort (1883)
   Nocturno  nach einem Gedicht von Toni Raab
En Rêve. Nocturne (1885/86)
Vierter Mephisto-Walzer. Bagatelle ohne Tonart (1885)
Nuages gris (1881)
Unstern! Sinistre – Disastro (1883/86)
Ungarische Rhapsodie Nr. 17 (1884)

Alberto Ginastera (1916-1983)
Aus den „Danzas argentinas“ op. 2 (1937)
Danza del viejo boyero
Danza de la moza donosa
Aus der “Suite de Danzas Criollas” op. 15 (1946)
Nr. 2 Allegro Rustico
Nr. 4 Calmo e poetico
Nr. 5 Scherzando
Coda – Presto e energico

Manuel de Falla (1876-1946)
Fantasía baetica (1919)

Claude Debussy (1862-1918)
Aus “Préludes”, Deuxième Livre (1912-13)
Nr. 1   Brouillards. Modéré
Nr. 10 Canope. Très calme et doucement triste

Galina Ustwolskaja (1919-2006)
Sonate Nr. 5 (1986)

An diesem Abend erklingen späte Kompositionen Listzs. In ihnen begegnen wir nicht der zauberhaften Virtuosität seiner frühen Werke; der Komponist ist auf das Substanzielle konzentriert, als habe er sich einer freiwilligen Askese unterzogen. Einige seiner harmonischen Entdeckungen sind so radikal, dass man kaum glauben kann, in welchem Jahr diese Musik komponiert wurde. Dass Liszts Schaffen bis in die Moderne Inspirationsquelle für viele Musiker ist, bestätigen die weiteren Stücke des heutigen Programms. 

Obgleich Alberto Ginastera einer der bedeutendsten Vertreter der argentinischen Musik des 20. Jhs ist, ist seine Musik nicht allzu oft in Deutschland zu hören. Er komponierte Opern, Ballette, eine Sinfonie, Lieder, Chorwerke, Kammermusik und u.a. zwei Klavierkonzerte und drei Klaviersonaten. Seine Tänze für Klavier, die Danzas argentinas und Danzas criollas geben meisterhaft die Vielfalt an Gesten und Stimmungen der argentinischen Folklore wieder und stecken gleichzeitig voller  harmonischer Neuerungen. 

Die Fantasía baetica von Manuel de Falla entstand im Auftrag von Arthur Rubinstein und ist ihm gewidmet. ’Provincia Baetica’ war der römische Name für Andalusien, die Heimat des Flamenco. Das Werk ist eine groß angelegte, abstrakte Klavierfantasie – original de Falla, ohne Zitate aus der Folklore, aber deutlich inspiriert vom Stil des Flamenco mit seinen spezifisch orientalischen Skalen und eigenwilligen Rhythmen –  im Klavier Klänge der Gitarre, des Füßestampfens, der Kastagnetten und des ’cante jondo’ heraufbeschwörend. 

Über die Wechselbeziehungen zwischen der Klaviermusik von Claude Debussy und dem Schaffen Franz Liszts ließen sich Traktate schreiben, denn der Einfluss Liszts beschränkte sich nicht auf harmonischen Neuerungen, sondern betraf alle Komponenten der Musik: das Spektrum der Klangfarben, die Satzweise, den Pedalgebrauch. Debussys ’Préludes’ (Brouillards und Canope) sind vorzügliche Beispiele dafür. 

Scheinbar paradox in diesem Programm sind die beiden letzten Klaviersonaten von Galina Ustwolskaja, doch ist die Wahl gerechtfertigt und sinnvoll. Das radikale Neuerertum Ustwolskajas – sowohl was die Form betrifft als auch den Einsatz der Klangfarben des Klaviers – ist in vielerlei Hinsicht eng verwandt mit dem Pioniergeist Liszts. Äußerliche Ähnlichkeiten gibt es hier nicht, aber die Kraft und Größe dieser Klaviermusik ruft unweigerlich den unsterblichen Schatten des Schöpfers der „Faust-Symphonie“ und der h-Moll-Sonate in Erinnerung. 

In der Kunst des Pianisten Andreas Mühlen (*1957) verbinden sich auf ungewöhnliche Weise die Traditionen der deutschen und russischen Interpreten-Schule. Zu seinen Lehrern gehörten Bernhard Roderburg, Rudolf Buchbinder und Igor Shukow. Neben der klassischen und romantischen Klavierliteratur spielt Mühlen insbesondere russische, spanische und südamerikanische Musik. Mehrere CD-Einspielungen liegen vor, darunter eine Aufnahme mit späten Werken von Franz Liszt, vom MDR als „Idealfall“ vorgestellt, und mit Klaviersonaten von Galina Ustwolskaja, die ihm seine „genaue und tieffühlende Interpretation“ ihrer Werke bescheinigte. „Mühlen … spielte kraftvoll, formte große Gesten und Bögen aus, versank in der Musik und wohl ähnlich wie bei Liszt wirkte sein Vortrag improvisiert, emotional und gleichzeitig hochkomplex und durchdacht.“ (Allgäuer Zeitung, 2011)