30.09.2011: Sofia Gubaidulina zum 80. Geburtstag

Programm:

Sofia Gubaidulina (*1931):
De Profundis (1978) für Bajan

Johann Sebastian Bach (1685-1750):
Suite G-Dur für Violoncello solo
  Prélude
  Allemande
  Courante
  Sarabande
  Menuett 1 – Menuett 2
  Gigue

Johannes Brahms (1833-1897):
Drei Choralvorspiele op. posth. 122 (1896)
(Transkription für Violoncello und Bajan)

 Pause

Sofia Gubaidulina:
Zehn Präludien für Violoncello solo (1974)
  Staccato – legato
  Legato – staccato
  Con sordino – senza sordino
  Ricochet
  Sul ponticello – ordinario – sul tasto
  Flagioletti
  Al taco – da punta d’arco
  Arco – pizzicato
  Pizzicato – arco
  Senza arco, senza pizzicato

Sofia Gubaidulina:
In croce (1979) für Violoncello und Bajan
(nach der Originalfassung für Violoncello und Orgel)

Vladimir Tonkha, Violoncello
Friedrich Lips, Bajan

Sofia Gubaidulina – 1931 in Tschistopol (Tatarische Republik) geboren, in Kasan und Moskau ausgebildet – zählt zu den weltweit bedeutendsten Komponistinnen unserer Zeit. Sie hatte es nicht leicht in der Sowjetunion. Als ein Kritiker 1962 die makellose Technik der jungen Komponistin lobte, ihre geistige Haltung aber tadelte, hielt sie dennoch an ihrem künstlerischen Credo fest. Schon seit Mitte der 60er Jahre wurden ihre Werke dann im westlichen Ausland gespielt, bald folgten Aufträge und zahlreiche Auszeichnungen. Seit 1992 lebt sie in der Nähe von Hamburg.

 Sofias Ritter: Vladimir Tonkha und Friedrich Lips

zum 80. Geburtstag von Sofia Gubaidulina

In diesem Konzert hören Sie zwei Entdecker von Sofia Gubaidulinas Talent. Sie gehörten zu den Ersten, die ihre Musik aufführten – und zwar mit Beharrlichkeit und sogar Fanatismus zu einer Zeit, als die meisten noch keine Ahnung hatten, was sich hinter diesem Namen verbirgt. Um in den 60er und 70er Jahren in der UdSSR Aufführungen einer solchen Musik hartnäckig durchzusetzen, war eine gehörige Menge Mut erforderlich. Tonkha und Lips sind Co-Autoren vieler instrumentaler „Entdeckungen“, die uns aus den Partituren von Gubaidulina bekannt sind. Ihnen hat die Komponistin wichtige Werke gewidmet: „Sieben Worte“, „In croce“, „De profundis“, „Zehn Präludien“ für Violoncello solo. Auch Solokonzerte mit Orchester hat Gubaidulina für sie geschrieben.

Vladimir Tonkha ist einer der kreativsten und interessantesten russischen Cellisten der Gegenwart. Er tritt in Solo- oder Kammerkonzerten in den besten Konzertsälen der Welt auf, wo er häufig die speziell für ihn komponierten Werke spielt. Zu seinen Musizierpartnern zählen Gidon Kremer, Jury Bashmet, Gennady Roshdestvensky, Valery Gergiev, Yuji Takahashi. Als Professor steht er dem Lehrstuhl für Violoncello der Russischen Gnessin-Musikakademie in Moskau vor. Außerdem hat er zahlreiche Werke für Violoncello bearbeitet bzw. transkribiert und herausgegeben.

Friedrich Lips gelang es in Zusammenarbeit mit Sofia Gubaidulina, dem Bajan (russ. Knopfgriffakkordeon) eine völlig neue Rolle zu verschaffen, indem er es zu einem höchst vornehmen Werkzeug der zeitgenössischen Musik machte. Lips war der Erste, der die ungewöhnlichen Möglichkeiten des Bajans erkannte. In seine Fußstapfen traten später viele andere Musiker in Europa, Japan und den U.S.A.

Friedrich Lips ist ebenfalls Professor an der Russischen Gnessin-Musikakademie in Moskau und hat an vielen bedeutenden internationalen Festivals für Neue Musik teilgenommen. Gleichzeitig ist er Autor mehrerer Bücher und zahlreicher Transkriptionen für sein Instrument.

Bajan

In Westeuropa hat das Akkordeon als ursprüngliches Volksmusikinstrument in der Neuen Musik einen gewissen Platz eingenommen. Noch viel mehr hat sich jedoch in Russland das Bajan, das russische „Knopfakkordeon“ in der klassischen und besonders in der zeitgenössischen Musik durchgesetzt. Es beherbergt wesentlich komplexere musiktechnische Möglichkeiten als unser Akkordeon.

De Profundis – Gubaidulinas erstes Werk für Bajan – ist Friedrich Lips, der es uraufführte, gewidmet. Heute zählt das Werk zu den Klassikern der Bajan-Literatur. Grundlage der Komposition ist Psalm 130 „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir“. zugrunde. Der Hörer wird Zeuge einer langsamen und unaufhaltsamen Steigerung vom „Röcheln“ des untersten Bajan-Registers bis zu den reinen und zarten Tönen des obersten: „Ein Aufstieg vom Niedrigsten zum Höchsten, dem Atem, der Seele bis hin zur Weltseele oder der Weisheit.“ (Viktor Suslin)

Die Elf Choralvorspiele sind Brahms’ letztes Werk, sie entstanden 1896. In diesem Jahr starb Clara Schumann, mit der Brahms zeitlebens eine wohl unerfüllt gebliebene Liebe verband. Fast alle der elf bearbeiteten Choräle haben den Tod zum Thema.

„Ivan Monighetti und Vladimir Tonkha waren die ersten Interpreten, die meine Zehn Präludien nicht nur vollendet spielten, sondern sie im wahrsten Sinne des Wortes zu ihrem „eigenen“ Werk machten. Insbesondere das letzte Präludium bietet den Cellisten die Möglichkeit, in improvisatorischen Abschnitten das Stück auf „eigene“ Weise zu interpretieren. “Ich wollte erkennen, wie sich Musik durch die schöpferische Phantasie eines Interpreten inhaltlich verändert.“ (Sofia Gubaidulina)

Die Komposition In croce ist ein einziges großes Kreuzsymbol: Ein Instrument beginnt in den höchsten Lagen, das andere in den tiefsten, sie nähern sich einander an, durchkreuzen sich großräumig und punktuell und entfernen sich wieder mit vertauschten Rollen. Gleichzeitig repräsentieren Bajan bzw. Orgel die musikalische „Vertikale“, während das Cello die „Horizontale“ erforscht.