05.02.2010 – Vladimir Anochin (Violine) + Matthias Veit (Klavier)

Der Ausnahme-Geiger Vladimir Anochin wird zusammen mit Matthias Veit am 5. Februar 2010 ein Konzert im Rahmen der Belaieff-Konzertreihe geben. 

Matthias Veit und Vladimir Anohin

Matthias Veit und Vladimir Anohin

Anochin ist kein Unbekannter bei den Belaieff-Konzerten: er trat auf beim Komponistenportrait Galina Ustwolskaja und gab ein spannendes Konzert im Duo mit Elisaveta Blumina.

Das Programm:

Igor Strawinsky (1881-1971)
Suite Italienne für Violine und Klavier (1925)
- Introduzione
- Serenata
- Tarantella
- Gavotto con Variazioni
- Scherzino
- Minuetto e Finale

Valentin Silvestrov (*1937)
Fünf Stücke für Violine und Klavier (2004)
- Elegie
- Serenade
- Intermezzo
- Barcarolle
- Nocturne

PAUSE

Viktor Suslin (*1942)
„1756“ für Violine solo (2005)

Sergej Prokofjew (1891-1953)
Sonate Nr. 2 für Violine und Klavier D-Dur op. 94a (1943)
- Moderato
- Presto
- Andante
- Allegro con brio

Da im heutigen Konzert sowohl Werke aus der ersten Hälfte des 20. als auch aus der des 21. Jhs. aufgeführt werden, also einer Musikepoche, die ein ganzes Jahrhundert umfasst, ist es nicht verwunderlich, dass dieses Programm voller Kontraste ist. Wir begegnen sehr charakteristischen Eigenschaften der Musik dieser Zeit: dem Neoklassizismus, der neuen Tonalität, der Zwölftonmusik und der postmodernen Metaphorik.

Igor Strawinskys „Italienische Suite“ ist eine Transkription, die der Komponist aus Episoden seines Balletts „Pulcinella“ (1919/20) zusammengestellt hat, das wiederum auf musikalischem Material aus Werken von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736) basiert. Das Ballett trägt den Untertitel „Tanzkomödie für Pantomimen und Sänger“ und ist daher eine Mischgattung im Stil der neapolitanischen „Commedia dell’Arte“. Im Schaffen Strawinskys stellt „Pulcinella“ einen Meilenstein dar, da mit diesem Werk sein sog. „Neoklassizismus“ einsetzt. Diese Richtung sollte sich in der Folgezeit als ästhetisch wesentlich komplizierter und weitverzweigter erweisen, als man beim Hören dieser fröhlichen und eleganten Ballett-Musik mit ihren wenigen, kaum wahrnehmbaren „Merkwürdigkeiten“ 1920 hätte erahnen können.

Obwohl Valentin Silvestrovs „Fünf Stücke“ ästhetisch weit entfernt sind von der „Neoklassik“, gibt es doch eine Gemeinsamkeit, die seine Musik mit der Strawinskys verbindet: die Rückkehr zur Melodie als einem zentralen musikalischen Element. Um dies recht zu würdigen, sei daran erinnert, dass Strawinsky den „Sacre du Printemps“ komponierte und Silvestrov in den 60-er Jahren des 20. Jhs. als einer der radikalsten sowjetischen Avantgardisten galt. Doch auch in Silvestrovs früheren Werken spielt das melodische Element eine – wenngleich nicht so deutlich zu Tage tretende – formgebende Rolle. Seit 2000 schuf der Komponist eine Vielzahl von Stücken für verschiedene Instrumente, in denen die Melodie an erster Stelle steht – und zwar nicht als etwas Fertiges, Abgeschlossenes, sondern eher als eine Art „augenblickliche“ Antwort des Komponisten auf eine plötzlich aufblitzende und sein Ohr nicht mehr in Ruhe lassende „Einflüsterung“. Es ist der Versuch, den „Augenblick musikalisch anzuhalten und festzuhalten“.

Der Titel „1756“ des Werkes von Viktor Suslin verrät eine Beziehung zu W. A. Mozarts Geburtsjahr, die aber weder eine stilistische Annäherung noch eine „Verfremdung“ oder eine Parodie des klassischen Klischees bedeutet. Suslin ging auf andere Art und Weise vor: Er legte seiner Komposition Material aus dem berühmten sog. „Dissonanzen-Quartett“ c-Moll (KV465) zugrunde und leitete daraus eine Zwölftonreihe ab. Eine ihrer Permutationen ergab unerwarteterweise eine Abfolge von Akkorden, die fast wörtlich übereinstimmt mit der berühmten Modulation des „Confutatis maledictus“ zum „Lacrimosa“ in Mozarts Requiem.

Die Violinsonate op. 94a von Sergej Prokofjew ist eine Überarbeitung der früheren Flötensonate (D-Dur, op. 94). Sie entstand auf Wunsch von David Oistrach, welcher die Violinsonate im Juni 1944 uraufführte. In dieser Fassung wurde die Sonate eines der am häufigsten gespielten Werke Prokofjews. Obwohl die musikalische Sprache tonal ist, haben wir es hier mit einer neuen höchst individuell gestalteten Tonalität zu tun. Denken wir an die Worte Arnold Schönbergs: „Es gäbe noch eine ganze Reihe in C-Dur zu sagen.“ In unserem Fall in D-Dur.


Vladimir Anochin debütierte bereits als Achtjähriger mit Mozarts Violinkonzert Nr. 5. Mit zwölf wurde er in die „Rimskij-Korsakow-Spezialmusikschule für hochbegabte Kinder“, mit siebzehn ins Rimskij-Korsakow-Konservatorium in St. Petersburg aufgenommen. Schule wie Studium absolvierte er mit Auszeichnung. Anschließend setzte Anochin seine Studien an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg fort. In dieser Zeit nahm er an zahlreichen Meisterkursen teil und wurde 1997 Stipendiat der Deutschen Musikinstrumentenstiftung. Als Gewinner und Preisträger mehrerer Wettbewerbe konzertierte er mit namhaften Orchestern. Tourneen führten ihn durch Israel, die Türkei und ganz Europa. Zu seinem Repertoire gehören die Violinkonzerte von Tschaikowsky, Brahms, Dvorak, Wieniawski, Chatschaturjan, Mendelssohn, Mozart, Prokofjew und Schostakowitsch. Auch als Interpret zeitgenössischer Musik ist Anochin sehr gefragt. Seit 1996 ist er Primarius des in Hamburg gegründeten Scardanelli-Quartetts.

Matthias Veit studierte Klavier bei Gernot Kahl und Gesang bei u.a. bei Peter Elkus und Tom Krause. Nach Meisterkursen, mehreren Auszeichnungen und Stipendien begann seine intensive Konzerttätigkeit als Lied- und Instrumentalbegleiter im In- und Ausland. 1992 erhielt er den Gundula-Janowitz-Preis des Schubert-Wettbewerbs in Graz. Es folgten Einladungen zu renommierten internationalen Festivals sowie Engagements als Begleiter in Meisterkursen, als Meisterkursdozent für Liedduo, als offizieller Begleiter auf Wettbewerben (u.a. ARD-Wettbewerb), als Sänger (auch sich selbst begleitend) und Dozent an verschiedenen Hochschulen. Außerdem ist Veit mit genreübergreifenden Programmkonzepten (Musik, Malerei, Literatur, Theater und Film) hervorgetreten.