05.12.2009 – Oleg Malov: 150 Jahre Petersburger Schule

Oleg MalovOleg Malov, Klavier:
"150 Jahre Petersburger Schule":

 

Das Programm:
 
Michail Glinka (1804-1857)       
      Kinderpolka B-Dur (1854)
      Barcarolle G-Dur (1847)
     (Nr. 2 aus: "Grüße an mein Heimatland")
 
Galina Ustwolskaja (1919-2006)
     12 Präludien (1953)
 
Anatoly Liadow (1855-1914)
     Zwei Präludien op. 10,1 (1884) und op. 11, 1 (1885)
     Die Musikdose op. 32 (1893)
 
Wladimir Deschewow (1889-1914)
    7 Meditationen op. 3 (1919-1923)
    Schienen op. 16 (1925)
 
           P A U S E
 
Boris Arapow (1905-1992)
   Skizze, Humoreske, Chor (1978)
 
Wladimir Stscherbatschow (1889-1952)
  8 Inventionen (1921-1923)
 
Alexander Knaifel (*1943)
  Bekenntnis (2003)

Zum Programm:

Die Rolle, die St. Petersburg in der russischen Musikkultur spielte, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: Hier wurden die russische Oper, die russische Sinfonie und das Klavierkonzert geboren, außerdem die professionelle Musikausbildung, denn hier wurde 1862 das erste Konservatorium Russlands eröffnet, dessen Begründer und Absolventen zur kulturellen Spitze des Landes zählten. Das heutige nicht chronologisch aufgebaute Programm bietet nicht nur die Möglichkeit, Klaviermusik von Petersburger Komponisten aus verschiedenen Perioden zu hören, sondern macht auch die unsichtbaren Fäden spürbar, die die Komponisten untereinander verbinden und die ein kulturelles Phänomen darstellen, das „St. Petersburg“ heißt. Diese nordische und „europäischste“ aller russischen Städte war der Quell für eine erstaunliche musikalische Kreativität, denken wir nur an Mussorgski, Tschaikowsky und Strawinsky.

Die eigentlich gar nicht so „konzertante“ Klaviermusik Michail Glinkas nimmt in seinem Schaffen einen bescheidenen Platz ein. Glinka ist in erster Linie bekannt als Schöpfer bedeutender Opern und ganz bezaubernder Lieder. Der gleiche Zauber ist seinen Klavierstücken eigen, dessen Geheimnis in Glinkas erstaunlichem Formgefühl liegt.

Die gleichen Qualitäten finden wir in höchstem Maße bei Galina Ustwolskaja, obwohl man sich einen größeren Kontrast zur Musik Glinkas kaum vorstellen kann. Die Eigenartigkeit ihrer Präludien ist derart groß, dass dieser Zyklus, komponiert 1953 (!), in der Musik des 20. Jahrhunderts seines Gleichen sucht. Im Unterschied zu den meisten Komponisten kann man in der Musik Ustwolskajas nur schwer eine „Evolution“ verfolgen: Sie kam gleich in ihrer musikalischen Ganzheit auf die Welt.

Genauso wie Ustwolkaja war Anatoly Liadow kein Weltmeister hinsichtlich seiner Opuszahlen, doch besaß er eine klar ausgeprägte musikalische Handschrift. Er ist ein Komponist erlesener Miniaturen von raffinierter Form und vollendeter Textur.

Ein Schüler Liadows war Wladimir Deschewow – von seinem Stil her ein typisches Kind des aufkommenden 20. Jahrhunderts und Vertreter der konstruktivistischen Moderne, die eine wichtige Rolle in den 20er Jahren spielte.
Dieser Komponist hat überwiegend Theater- und Orchestermusik geschrieben und ist Autor einer der ersten sowjetischen Opern („Eis und Stahl“ 1930). Sein Klavierstück „Schienen“ war damals sehr populär.

Boris Arapow komponierte eine Reihe interessanter und sehr origineller Klavierwerke, darunter auch fünf Klaviersonaten, die häufig virtuos sind. Er verwendet eine recht unorthodoxe Zwölftontechnik, die er mit modalen und polytonalen Komponenten verknüpft. Alle drei seiner heute erklingenden Stücke basieren auf ein und derselben Zwölftonreihe, die Arapow so modifiziert, dass eine große Charaktervielfalt entsteht.

Die acht Inventionen von Wladimir Stscherbatschow vertreten hier eine einflussreiche Richtung in der Petersburger Musik der 20er Jahre, die als „lineare Moderne“ bezeichnet werden kann.

Den Schluss des Programms bildet das „Bekenntnis“ von Alexander Knaifel, dessen Spielanweisung „tempo die valse dolce – leggiero“ lautet. Im Notentext wird das gleichnamige Gedicht von Alexander Puschkin ausgeschrieben, doch die Worte werden nicht rezitiert oder gesungen, sondern auf Wunsch des Komponisten „quasi erraten“. Dies ist ein nostalgischer Kommentar zur Musik Glinkas auf einen Text von Puschkin.

Der Interpret:

1965 nahm Oleg Malov (*1947) sein Klavierstudium am Leningrader Rimskij-Korsakow-Konservatorium bei den Professoren S. Sawschinski und N. Perelman auf. Bereits seit 1972 ist er dort als Lehrer, später als Professor im Hauptfach Klavier tätig. Viele seiner Schüler sind Preisträger internationaler Wettbewerbe und haben Stellungen an Musikhochschulen in Russland, vielen Ländern Europas und in den USA erlangt.

Seit 1968 konzertiert Malov mit einem Repertoire, das inzwischen aus Werken von über 100 Komponisten besteht.

Nach der Wende 1989 hat Malov als Solist, Ensemble-Pianist und Dirigent an den wichtigsten Festivals für Zeitgenössische Musik in zahlreichen Ländern Europas sowie in den USA teilgenommen. Für diverse Labels spielte er 10 Schallplatten und 18 CDs ein. Außerdem leitete er Meisterklassen an verschiedenen Hochschulen in Russland, Europa, aber auch in Korea, den USA und Chile.

Insbesondere als Interpret der Werke Galina Ustwolskajas hat Malov sich einen Namen gemacht.